Tobias Gerber
Ibi Ubi
24.03. - 22.04.06
Tobias Gerber hat sich vornehmlich dem Medium der Zeichnung und der Skulptur verschrieben. Insbesondere seine graphischen Arbeiten drängen sich nicht auf. Im Gegenteil: Sie sind bei aller handwerklichen Könnerschaft eher karg und zurückhaltend. Mitunter wirken sie einer ‘anderen Zeit’ zugehörig, was nicht zuletzt einem teilweise expressiv-dunklen Strich geschuldet ist. Gerber erarbeitet sich seine Bilder mit traditionellen zeichnerischen Mitteln und konzentriert sich dabei vor allem auf die suggestive Wirkung der Gegensätze von der Linie zur Fläche und vom Dunklen zum Hellen. Er zitiert mythische wie alltägliche Situationen eher als dass er sie mit individueller Handschrift neu formuliert. Dabei nähert er sich seinen Themen nicht als Kommentator des menschlichen Daseins, sondern entwickelt seine Arbeiten vieldeutig; an den Grenzen des Benennbaren, jedoch nicht ohne eine entscheidende Pointe zu setzen, über die sich schließlich ein Bedeutungsfeld jenseits der Bilder öffnet. Sowohl die Zeichnungen als auch die Skulpturen belegen eine intensive Auseinandersetzung mit jenen grundlegenden Fragen, die über aktuelle gesellschafts- und tagespolitische Problemstellungen hinausgehen und die in der künstlerischen Deutung eine oft skeptisch-ironische Wendung, wenn nicht gar Brechung, erfahren. Tobias Gerbers Werke stellen dem Betrachter eindringliche und analytisch psychologische Fragen, die der Künstler in dieser Form möglicherweise gar nicht intendiert hat.
Der Künstler zeigt seine Protagonisten, seien es nun fiktionale Figuren der Literatur oder reale Menschen der Lebenswirklichkeit, freilich nicht als soziale Wesen, sondern stets in einer Vereinzelung, die gleichzeitig mit einer gegenseitigen Abhängigkeit einhergeht. Denn Gerbers Bildpersonal wird niemals unmittelbar aufeinander bezogen gezeigt; bei aller motivischen Verschlingung handelt es sich stets um Individuen, die keine Einheit bilden. Ihr Blick ist ernst und häufig mit dem Ausdruck des Erstaunens auf das jeweilige Gegenüber gerichtet. Mitunter kommt es sogar vor, dass solcherweise eine Erkenntnis offenbar wird, die man am ehesten mit dem widersprüchlich-absurden „Danach war schon“ und „Davor kommt noch“ umschreiben könnte.(1) Darüber hinaus entsteht häufig die einzige Verbindung der dargestellten Personen durch eine wie zufällig zustande gekommene Berührung oder Verschränkung. Auch hier zeigt sich im Bild, dass das, was vordergründig als Verschmelzung der Leiber wahrgenommen werden könnte, vielmehr die Verzeichnung von Gliedmaßen an den Leibesgrenzen des Gegenübers ist; eine Bezogenheit der Personen aufeinander, wie man es von der Vorstellung des Yin und Yang her kennt.
Vor diesem Hintergrund gewinnt der Ausspruch „Ich bin nur der stumpfe Gegenstand, an dem Holmes seinen Verstand schärfen kann“, mit dem Arthur Conan Doyle die Romanfigur Dr. Watson ihr Verhältnis zu der Romanfigur Sherlock Holmes in der Ich-Perspektive schildern lässt, eine besondere Bedeutung. Holmes, der Held der Detektivgeschichten, löst zwar mit psychologischen und naturwissenschaftlichen Kenntnissen, scharfer Kombinationsgabe und unbestechlicher Logik alle Fälle, doch er erscheint bei allem Erfolg nie als Übermensch. Dies verdankt er nicht zuletzt seinem Partner Watson, dessen mitunter voreilige Folgerungen den Meisterdetektiv häufig erst auf die richtige Spur bringen. In den Romanen, ebenso wie in dem Ausspruch Watsons, wird deutlich, wie dieses ambivalente Verhältnis der Hauptfiguren zueinander beschaffen ist. Holmes und Watson bilden zwar eine ungleiche Partnerschaft, doch der eine würde ohne den anderen nicht bestehen können. Sind Holmes und Watson also als zwei Aspekte ein und desselben – nicht aufteilbaren – Sachverhaltes anzusehen? Das eine Ich kann nicht ohne das andere Ich, es spiegelt sich in dem Ich des anderen.
Angesichts dieses Umstandes wird deutlich, wie sich in Tobias Gerbers Arbeiten ein ausgeprägter Sinn für existentielle Lebenssituationen und ein reflektierender Blick auf die Verhältnisse der Menschen mit einer differenzierten konzeptionellen Begabung verbinden. Sowohl die Zeichnungen als auch die Skulpturen und Installationen dienen ihm als präzise Bestandsaufnahmen situativer Bedingungen menschlicher Abhängigkeiten und Sehnsüchte sowie deren poetischer Anver-wandlungen. Dabei wird jedoch vieles angedeutet und in der Schwebe belassen, nichts wird erklärt. So erschließt sich Gerbers Raffinesse im Einfachen ebenso wie sein exaktes Kalkül im Spontanen, die Breite der intellektuellen Interessen und Anknüpfungspunkte innerhalb des Bezugsrahmens ‘Existenz’.
Dirk Steimann 2006 (gekürzte Fassung)
(1) Tomas Kapielski, „Davor kommt noch. Gottesbeweise IX-XIII“, Berlin 1998. Und ders., „Danach war schon. Gottesbeweise I-VIII“, ebd. 1999.
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